Distant views

Die größte Offenbarung ist die Stille, schrieb der chinesische Philosoph Laotse im 6. Jahrhundert vor Christus.

Mit in sich ruhender Stille sieht man kleine Dinge, scheinbar Unscheinbares, ganz groß. Mit in sich ruhender Stille und annä- hernder Distanz transformiert sich das Übersehbare, konkretisiert sich das Vorhandene über die Abstraktion in sich selbst. In Räumen scheinbarer Leere visualisiert sich eine Stille, der fotografische Blick widmet sich, dem Ganzen, dem Detail, dem Dazwischen, um herauszulösen, zu verdichten, zu ordnen, ohne zu hierarchisieren. Die Welt zeigt die Muster, die sie enthält, Formen finden ihre Analogien, Assoziationen erzählen Geschichten. Vom Wind zerzauste Folien erscheinen als aufsteigende Kraniche, Zirkuszelte werfen sich auf zu roten Gipfeln in schneeduns- tiger Landschaft. Ein Fisch, der, seinem Element enthoben, leuchtend durch die Höhen der Tiefsee schwebt und verdorrte, doch zarte Blütenstände, die im Winter auferstehen zu hochverwachsenen Bäumen, deren Kronen unter der Last des Weiß nicht zu brechen mögen.

Die Neuverhandlung von Nähe als ein bewusster Akt der Nicht-Überwindung von Distanz offenbart somit sich als Geste des Sehens und der Sichtbarmachung. ‚Wer Abstand hält, hat sich nicht unbedingt entfernt.‘ (Edith Linvers)